Everrist online
Nr. 15 (2012)
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Ecuador: Das Dorf Progreso de Canandé braucht Hilfe


– Daniel Jestrzemski (Abitur 2006) –


Wenn die Sonne über dem ecuadorianischen Regenwald untergeht, beginnt das motorsägenartige Surren der Zikaden. Die Luft ist wassergesättigt und duftet süß nach dem vermodernden Laub, das sich zwischen den Brettwurzeln der Baumriesen angesammelt hat. Mit dem Anbruch der Dunkelheit treten viele Bewohner aus ihrem mysteriösen Lebensraum hervor und machen sich auf die Suche nach Nahrung und Fortpflanzung. Das Geräuschkonzert aus Vogelstimmen, Insektensummen und gelegentlichem Gebrüll der Affen wird intensiver und vielfältiger. Riesige Hundertfüßer und hochgiftige Lanzenottern verlassen ihre Höhlen und begeben sich auf die Jagd nach allem, was sie überwältigen können. Mit höchster Wachsamkeit streifen einige Pakas, bis zu 12 Kilogramm schwere Nager, durch den Wald. Der Ozelot leckt sich nach ihnen die Tatzen, muss sich aber vor der gewaltigen Boa constrictor in Acht nehmen. Außer dem scheuen Jaguar hat sie nicht viele Feinde im Unterholz.
Kein Lebewesen bleibt jedoch an seinem Platz, wenn eine Armee aus alles vernichtenden Wanderameisen anrückt. Früher, als die Dächer der Bauern noch mit getrockneten Pflanzenblättern bedeckt waren, ließ man die wimmelnden und bissigen Ameisenheere gerne durch das eigene Heim ziehen, um es von unerwünschten Gästen sauber zu halten.
An diesem Februartag scheint die Sonne. Byron, Luis und seine Cousins aus der Stadt haben mich eingeladen, ihnen bei der Kakaoernte auf einer Plantage mitten im Dschungel zu helfen. Mit der Lanze versuche ich nicht ohne Begeisterung, Kakaoschote um Kakaoschote von den Bäumen zu hacken. Wir ernten einige Säcke voll, dann kehren wir zum Mittagessen zu Luis' Familie zurück. Das Holzhaus, in dem wir sitzen, steht auf Pfählen und wurde von Luis und seiner Familie selbst gebaut, wie alle Häuser im Dorf Progreso de Canandé.
Kennengelernt habe ich das Dorf während eines Ecuador-Aufenthaltes im Rahmen meines Studiums "International Forest Ecosystem Management" (Bachelor of Science) an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (2007 bis 2010). Als Volunteer unterstützte ich den Naturschützer und Biologen Raul Nieto (September bis Dezember 2009 und Januar bis März 2010). Er vermittelte mich und einen anderen Eberswalder Studenten an die Gemeinde "Progreso", der er jedes Jahr einige Säcke voller Kakaobohnen abkauft, um die Schokolade den Gästen seiner Herberge "Hostería Itapoa" am Pazifikstrand zu servieren.
Raul Nieto hat einen Traum: den Regenwald mit seiner lebendigen Vielfalt zu schützen und gleichzeitig den Menschen in den ländlichen Regionen zu helfen. Denn für die meisten von ihnen ist der Alltag ein ständiger Kampf ums Überleben. Auch ich habe ein Anliegen, das mir sehr am Herzen liegt. Es betrifft das Dorf "Progreso de Canandé" im Westen von Ecuador, dessen Bewohner finanzielle Unterstützung für den Bau einer Trinkwasserleitung brauchen.
Die Gemeinde "Progreso de Canandé" existiert seit 25 Jahren. Dort leben 22 Familien von der Subsistenzwirtschaft; sie bewirtschaften "Fincas Integrales" auf einer Fläche von 600 Hektar. Das sind Bauerhöfe, auf denen eine Mischung aus Land- und Forstwirtschaft praktiziert wird. Es werden viele verschiedene Fruchtbäume kultiviert (vor allem Kakao), ebenso wie Feldfrüchte (Zuckerrohr, Kassava, Maracuja). Die Lebensweise der Menschen ist dabei äußerst einfach: Sie leben direkt von ihrer Ernte, vom Kakao- und Maracujaverkauf, ihrem Geflügel und Vieh und von den Fischen, die sie im "Río Canandé" mit selbstgebauten Angeln und Netzen fangen. Auch ihre Fortbewegungsmittel (zum Beispiel Flöße) und Werkzeuge (Hacken, Lanzen) fertigen die Menschen selbst an.
Die Regenwälder des ecuadorianischen Chocó gelten als die Region mit der drittgrößten Artenvielfalt der Erde. Platz eins ist der von der Erdölförderung stark bedrohte ecuadorianische Amazonaswald auf der Ostseite der Anden.
200 Hektar Chocó-Regenwald befinden sich auch im Dorf Progreso, auf einer Hügelkette. Diesen Wald möchte die Gemeinde schützen, unter anderem weil aus ihm eine Quelle entspringt, die einige Familien mit Trinkwasser versorgt. Dennoch ist der Wald bedroht, denn von 1980 bis 2010 wurden etwa 80 Prozent der Naturwälder im Kanton Quinindé kahlgeschlagen und niedergebrannt, oft für den Anbau von Ölpalmen. Angrenzend zur Gemeinde befinden sich große Ölpalmenplantagen, deren Besitzer systematisch Naturwald für die Umwandlung in "Produktivland" aufkaufen oder ihren Arbeitern zur Anlage von Ackerland überlassen. Dubiose Angebote, Einschüchterungen und Bedrohungen gehen der Vertreibung der Kleinbauern voraus. Wer seinen Wald behalten möchte, muss oft weichen. Laut Untersuchungen sind mehr als 95 Prozent der ursprünglichen Regenwaldfläche verschwunden.
Zu den größten Problemen der Region gehört neben der schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Lage der meisten Bauern eine Zunahme der Dürren. Die Trockenzeiten werden länger, oft bleibt der Regen von April bis November aus. Dadurch sinkt der Wasserspiegel der Flüsse, und Rückstände aus der Wasserverschmutzung durch Pestizide, Abfälle und der auslaufenden Kanalisation von größeren Städten sammeln sich an.
Bislang tragen die Menschen im Dorf Progreso das Wasser aus dem Fluss in 20-Liter-Kanistern in das Dorf, um es ungefiltert zu trinken, zum Säubern und zum Kochen zu verwenden. Doch besteht seit langem das Interesse, endlich die Lebenssituation im Dorf, das heißt die Lebensqualität und den Gesundheitszustand zu verbessern und der neuen Generation eine Zukunft auf dem Land zu ermöglichen. Dazu soll eine Trinkwasserleitung mitsamt Pumpe gebaut werden. Das Projekt umfasst den Erwerb und die Installation der Pumpe sowie die dauerhafte Wartung der Anlage.
Im Juni 2011 hat Adriana Manchay Mendoza, die Tochter von Don Serbilio Manchay von der Gemeinde "Progreso", eine umfassende Beschreibung des Projektes ausgearbeitet, zusammen mit einem Zeit- und Finanzierungsplan. Der benötigte finanzielle Gesamtaufwand beträgt 31.180 US-Dollar beziehungsweise 23.367 Euro. In der Gemeinde sind 20 Handwerker, die den Transport der Bauteile, die Installation der Anlage und ihre Wartung übernehmen werden.
Seit 2009 suche ich zusammen mit den Bauern und stellvertretend für sie eine Institution, die Interesse an einer Finanzierung und Förderung der nachhaltigen Entwicklung im Dorf "Progreso de Canandé" hat. Wir haben bereits in Ecuador zahlreiche Anträge auf finanzielle Unterstützung gestellt, unter anderem bei der ecuadorianischen Regierung, USAID (United States Agency for International Development), der deutschen Botschaft und der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit). Doch bisher ist Hilfe ausgeblieben. Nach zahlreichen weiteren Anfragen in Deutschland hat sich die Organisation "Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz e. V." (ARA) zur Betreuung des Baus der Wasserpumpe bereiterklärt.
Dazu wird ARA über die Beratungsstelle für private Träger in der Entwicklungszusammenarbeit ("bengo") einen Antrag an das "Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit" (BMZ) stellen. Bei einer Förderung würde das BMZ 75 Prozent der Kosten (also 17.525 Euro) tragen. Die restlichen 25 Prozent (5.842 Euro) müssten von ARA und der Gemeinde Progreso getragen werden.
Doch während die Bauern jeden Cent für die Lebenskosten abzählen müssen (es fallen auch zahlreiche Tierarztkosten für die Rinder, Schweine und das Geflügel an), finanziert sich ARA ausschließlich über Spenden.
Insofern wäre es eine große Erleichterung, wenn Spenden im Umfang von 5.842 Euro zusammenkämen, so dass es bei einer Förderung durch das BMZ möglich wäre, die Wasserpumpe zu kaufen.
Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn eine Spende durch den Kreis der Ehemaligen und Freunde des JRG Wedel oder die Leser des Everrist für das Wasserprojekt in Ecuador zustande käme.

Die Bankverbindung von ARA ist:
Kontoinhaber     Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz
Konto               7222 0171
BLZ                  48050161
Sparkasse        Bielefeld
Stichwort          Wasserprojekt Ecuador

Die Entwicklung des ländlichen Raumes wurde kürzlich von Erzbischof Werner Thissen als Schlüssel zur Armutsbekämpfung weltweit hervorgehoben. Das ist auch meine Überzeugung. Wenn es uns gelingt, die nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes in der Dritten Welt zu ermöglichen, können wir den Teufelskreis aus Armut und Umweltzerstörung durchbrechen. Dann können wir zukünftigen Generationen ein angenehmeres Leben in einer immer noch lebenswerten Umwelt bieten. Und die letzten Regenwälder der Tropen vor Zerstörung, Umwandlung und Austrocknung retten. Danke für Ihr Interesse!

Kurze Information zum Autor: 1997 bis 2006 am JRG (2006 Abitur), danach Zivildienst an der "Ernst und Claere Jung Stiftung" in Hamburg Othmarschen. Von Ende April bis Juli 2007 Volunteering in den Nationalparks der südwestlichen USA. September 2007 bis September 2010 Studium "International Forest Ecosystem Management" (Bachelor of Science) an der Fachhochschule Eberswalde. September bis Dezember 2009 und Januar bis März 2010 Aufenthalt in Ecuador; Unterbrechung wegen Leishmaniose und Salmonellenerkrankung. Seit Oktober 2010 Studium "Tropical and International Forestry" (Master of Science) an der Universität Göttingen. Geplant: Semesterprojekt "Reforestation and Forest Management in Central Java, Indonesia" (November bis Dezember 2011), Master(abschluss)projekt: Untersuchung der Vielfalt von Reptilien und Amphibienarten in einem Naturschutzgebiet in Südvietnam.
Interessen: Naturschutz, Menschenrechte, Wälder und andere Ökosysteme, Wildtiere, Entwicklung und Entwicklungshilfe, Radfahren und andere (zum Beispiel sportliche) Aktivitäten, die man draußen machen kann, Malen und Fotografie, etwas Gutes auf die Beine stellen.



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