Everrist online
Nr. 2 (1998)

 
Ein gespenstisches Bunker-Labyrinth

Viele von Ihnen werden sich während Ihrer Schulzeit gefragt haben, was hinter der einen oder anderen Tür am Johann-Rist-Gymnasium verborgen sein mag. In unserer neuen Serie „Auf Entdeckungsreise im JRG“ gehen wir für Sie auf Erkundung, um diese Rätsel aufzulösen. Dieses Jahr beginnen wir mit dem Hilfskrankenhaus im Bunker unter der Schule.

Mit einem gespenstischen Knarren öffnet sich die schwere Stahltür in der Nähe des Zugangs zur Sporthalle des JRG. Dahinter: Dunkelheit. Allmählich flackern immer mehr Lampen auf, und aus dem Nichts entsteht plötzlich ein mysteriöses Labyrinth von Gängen. Generatoren summen, die Luft wird künstlich befeuchtet. Herzlich Willkommen im Bunker unter dem Johann-Rist-Gymnasium!

Hier unter der Erde erinnert eigentlich alles an ein ganz normales Krankenhaus: Wegweiser bezeichnen einzelne Stationen, man wandert an Teeküchen, Waschräumen und Operationssälen vorbei, doch Patienten: Fehlanzeige! Kein einziger Mensch wurde bislang hier behandelt, und fast sämtliche Betten, Instrumente und technische Geräte, die dazu nötig gewesen wären, sind zwar vorhanden, doch sie fristen ein tristes Dasein unter keimfreien Plastikfolien. Das „Hilfskrankenhaus Johann-Rist-Gymnasium Wedel” präsentiert sich auf dem technischen Stand der 60er Jahre, versteckt in einem Bunker, der die Einrichtung gegen Trümmer, ABC-Stoffe und Bomben geschützt hätte. Im Ernstfall wäre das Krankenhaus vollkommen autark gewesen: Schutzluft-Anlagen, Notstromdiesel-Aggregate, ein eigener Brunnen und sogar eine Kläranlage wurden unter Tage eingerichtet. Binnen 48 Stunden, so meint jedenfalls der Katastrophenschutz, hätte das Krankenhaus aus seinem Dornröschenschlaf aufwachen und Patienten aufnehmen können.

Verworrene Verhältnisse
Im Jahr 1961 gab es angesichts des Kalten Krieges die ersten Gespräche über den Bau des Krankenhauses. In einem bundesweiten Programm wurde es für neun Millionen Mark gleichzeitig mit dem JRG erstellt, auch weil so für den Schulbau erhebliche Zuschüsse gewährt wurden. Die Verhältnisse um das Krankenhaus sind recht verworren. Gebaut wurde es vom Bundesministerium des Innern in Bundesauftragsverwaltung von Hamburg. Besitzer ist die Stadt Wedel, doch glücklicherweise braucht sie nicht für die etwa 50.000 Mark jährlichen Unterhalt aufzukommen: Bislang wurde das Krankenhaus von der Hamburger Gesundheitsbehörde verwaltet und in Zukunft wahrscheinlich vom Technischen Hilfswerk (THW). Am 1. April 1998 ging die unterirdische Einrichtung in die Verwaltung des Amtes für Katastrophenschutz beim schleswig-holsteinischen Innenministerium über.

Das Krankenhaus war nicht nur für Hamburger Bürger, sondern für Patienten, die von einem Hamburgischen Krankenhaus eingewiesen worden wären, gedacht. Offiziell heißt es dazu in einem Papier der Gesundheitsbehörde vom September 1986: „Die Aufnahme von Patienten erfolgt nur unter medizinischen Gesichtspunkten.“ Über die Einweisung von verletzten Zivilisten hätte zuerst das Allgemeine Krankenhaus (AK) Rissen entscheiden müssen, später dann das AK Altona. In einem Verteidigungsfall wäre das Krankenhaus nicht nur auf den Bunker beschränkt gewesen, sondern auch die Schule selbst hätte dazugehört.

Drei Wochen Überleben...
In der 5.000 Quadratmeter großen Bunkeranlage hätten bis zu 750 Patienten sowie 190 Pfleger und Ärzte unterkommen können. Das Überleben wäre drei Wochen lang ohne Versorgung von außen sichergestellt gewesen – vorausgesetzt, man hätte vorher die Vorräte aufgefüllt. Dennoch bleibt fraglich, ob zum Beispiel die mit nur vier Kochstellen bedachte Küche wirklich dem Ansturm standgehalten hätte. Die Ausstattung des Krankenhauses ist noch immer bemerkenswert: In einer Abstellkammer stapeln sich zum Beispiel ungetragene Schuhe in allen Größen; auch Geschirr, Decken und alle Arten von medizinischem Gerät lagern noch immer ein Stockwerk unter den Klassenräumen des JRG. Zwei Operationssäle sind noch mit den typischen Lampen ausgestattet, nur ein Röntgengerät wurde schon aus dem Bunker entfernt.

Zum Einsatz gekommen ist das Krankenhaus zum Glück nicht, außer daß dreimal Polizisten aus anderen Bundesländern hier untergebracht wurden, so in den Jahren 1977, 1980 und 1981. Sie wurden damals in Wedel stationiert, um für Sondereinsätze am Kernkraftwerk Brokdorf und in der Hamburger Hafenstraße bereitzustehen, waren allerdings nicht sonderlich von ihrem Quartier begeistert. Polizeibeamte höheren Ranges sagten damals, daß sie gern wieder zu Einsätzen nach Schleswig-Holstein kämen, wenn sie nur ja nicht im JRG untergebracht würden. Aus diesem Grund wurde auch der Sinn solcher Krankenhäuser angezweifelt, denn wenn schon gesunde Polizisten eine „Lagerkoller” bekommen, wie soll es dann Kranken und Verletzten in einem Ernstfall ergehen?

Heute, zu einer Zeit, in der das Krankenhaus aufgelöst wird und nur noch als Lager für Katastrophenschutzmaterial dienen soll, werden schnell weitere Probleme augenfällig. Nicht nur im Bereich des Gymnasiums stehen die Gänge bei starken Regenfällen voller Wassereimer – unter der Erde ist das schon der Normalzustand. Es tropft überall, weil Grundwasser durch den Beton einsickert, teilweise bildet sich an den entsprechenden Stellen schon Schimmelpilz, und ständig müssen kleinere Betonarbeiten durchgeführt werden.

Viel wird nicht übrigbleiben
Die Krankenhausgeräte, die in dem Bunker lagern, werden voraussichtlich bald an Entwicklungsländer in Südamerika abgegeben werden, denn sie sind zwar noch ungebraucht, aber für deutsche Krankenhäuser hoffnungslos veraltet. Das, was nun von „unserem” Hilfskrankenhaus am Ende noch übrigbleiben wird, sind neben ein paar Decken, Feldbetten, Textilien und anderem Katastrophenschutzmaterial nur noch die Erinnerung mancher Schüler an die „gute alte Zeit“, als sogar noch Bereitschaftspolizisten im Gymnasium übernachteten.

(gy/rau)

(aus Everrist Nr. 2 - 1998, Seiten 118-122)


 
 
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